Germany

Tagesanbruch: Ausweg aus der Krise

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

wir erleben wilde Zeiten. Wie wild sie sind, verdeutlicht ein rascher Rundumblick:

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Im Süden bereiten sich die italienischen Rechtsextremisten auf die Regierungsübernahme vor und klopfen EU-feindliche Sprüche. Noch weiter südlich schlagen die Schergen der iranischen Mullah-Diktatur den Protest freiheitsliebender Menschen nieder; schon Dutzende Demonstranten sind gestorben.

Im Westen blicken wir bange auf die amerikanischen Zwischenwahlen in sechs Wochen, bei denen Donald Trumps Populistentruppe die Mehrheit im Kongress erobern könnte. Erschlafft dann der Widerstand gegen Putin?

Im Norden stürzen die Briten in eine tiefe Rezession; die Trauer über den Tod der Queen mündet in Verzweiflung über die horrende Inflation. Jedem fünften Briten droht bittere Armut. Nordöstlich rüsten sich die schwedischen Rechtsradikalen nach ihrem Wahlerfolg für den Umbau des Landes in eine reaktionäre Trutzburg.

Und hierzulande? Wird von der Butter bis zur Heizwärme alles teurer. Jede neue Woche verschärft die Nöte vieler Menschen, die Regierenden kommen mit dem Verarzten nicht mehr hinterher, und das Steuergeld ist endlich. Warnungen vor der nächsten Corona-Welle kommen hinzu und auch vor den Folgen der Erderhitzung. Der konsequente Klimaschutz wird auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben; auch das wird sich rächen. Ja, es sind tatsächlich wilde Zeiten. Verständlich, dass viele Leute schlechte Laune bekommen oder Ängste entwickeln.

Doch Angst ist kein guter Ratgeber, und Missmut erzeugt keine Energie. Genau das ist es aber, was wir jetzt brauchen: Energie in jeder Hinsicht. Im Heizungsboiler und im Tank, aber auch in den Adern und im Kopf. Einem Volk von Trauerklößen wird die Multi-Krise bleibende Wunden zufügen. Menschen hingegen, die sich zwar Sorgen machen, dabei aber zuversichtlich, zupackend und einfallsreich bleiben, wahren die Chance, die Krise sobald wie möglich zu überwinden, vielleicht sogar gestärkt aus ihr hervorzugehen. Jeder kann etwas dazu beitragen, denn das Wichtigste ist jetzt nicht das Runterdrehen der Heizung oder kürzeres Duschen.

Das Wichtigste ist jetzt, trotz allem optimistisch und solidarisch zu bleiben. Kaum ein Land hat dafür bessere Voraussetzungen als unseres. Deutschland ist immer noch vermögend, wirtschaftsstark und innovativ, es ist geachtet in der Welt und hat starke Verbündete. Anders als vielerorts im Osten, Süden und Westen funktionieren Demokratie und Rechtsstaat hierzulande gut. Manchmal hilft es, sich diese Tatsachen klarzumachen, wenn man morgens in die Nachrichten schaut und mal wieder die Krise kriegt. Die Lage ist düster, aber nicht ausweglos.

Um zu begreifen, wie gut es uns immer noch geht, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Zum Beispiel ins Jahr 1922. Auch vor 100 Jahren herrschte Krise, auch damals kam jede Woche mit einer neuen Hiobsbotschaft einher:

In München steht damals ein gewisser Adolf Hitler vor Gericht. Er wird wegen Landfriedensbruchs zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, doch bald wird man mehr von ihm hören.

In Berlin ermorden Rechtsterroristen den Reichsaußenminister Walther Rathenau.

In Kassel überlebt der sozialdemokratische Oberbürgermeister Philipp Scheidemann nur knapp einen Mordanschlag.

In Italien marschiert der Faschistenführer Benito Mussolini mit seinen Schwarzhemden nach Rom und übernimmt dort die Macht. Dann beginnt die Verfolgung von Sozialisten und Kommunisten.

In der Sowjetunion sind während der schlimmsten Hungersnot seit Jahrhunderten fünf Millionen Menschen gestorben. Josef Stalin wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei und errichtet ein Terrorregime.

In Irland beginnt der Bürgerkrieg. Fast 1.000 Menschen sterben.

In der Ägäis liefern sich Griechen und Türken einen monatelangen Krieg, in Izmir richten türkische Soldaten unter Zehntausenden Christen ein Massaker an.

Und passend zu all den Grausamkeiten in diesem Katastrophenjahr wird in Berlin ein neuer Stummfilm uraufgeführt: “Nosferatu, eine Symphonie des Grauens”.

Dass die Zeiten vor hundert Jahren noch düsterer waren als heute, mag für uns kein Trost sein. Aber es kann unseren Blick auf die gegenwärtige Krise relativieren. Und es zeigt: Geschichte passiert nicht einfach so, sie wird von Menschen gemacht. Wir können durch unsere Taten, aber auch durch unsere Haltung mitentscheiden, welche Ausfahrt in der weltpolitischen Achterbahnfahrt wir nehmen.

Also: Cool bleiben, aber nicht ignorant sein. Nicht nur auf das eigene Wohl und Wehe, sondern auch auf die Mitmenschen achten. Nicht nur über die da oben schimpfen, sondern sich mal an die eigene Nase fassen: Besser machen fängt bei uns selbst an. Denn wenn genügend Leute tatkräftig statt destruktiv unterwegs sind, ist die Lage gleich weniger düster. Amen.

Was steht an?

Der Wirbelsturm wütet in der Karibik.
Der Wirbelsturm wütet in der Karibik. (Quelle: Uncredited/NOAA/dpa)

Porsche geht heute an die Börse. Die Konzernmutter sammelt dadurch 9,4 Milliarden Euro ein. Ob Rennwagen und dicke SUV noch lange auf deutschen Straßen geduldet werden, ist fraglich.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute stellen ihre Prognose für den Herbst vor. Gleichzeitig gibt das Statistische Bundesamt die Inflationsrate für den September bekannt.

Der Bundestag debattiert über erleichterte Kurzarbeit, Nachhaltigkeit, den Lehrermangel und den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch. In der Aktuellen Stunde “Deutschland ein Jahr nach der Bundestagswahl: Zeit für Klarheit und Führung” will die CDU/CSU-Opposition der Ampelregierung Dampf machen.

Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag muss sich der Geschäftsmann Félicien Kabuga verantworten. Er soll den Völkermord in Ruanda finanziert haben.

Frankreich erlebt einen landesweiten Streiktag: Gewerkschaften protestieren gegen den Kaufkraftschwund in der Krise und die geplante Rentenreform.

In Stockholm werden die Preisträger des Alternativen Nobelpreises bekanntgegeben. Wie wäre es mit António Guterres?

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"Viele Bürger sind seelisch wie finanziell erschöpft", sagt Klara Geywitz.
“Viele Bürger sind seelisch wie finanziell erschöpft”, sagt Klara Geywitz. (Quelle: Frank Ossenbrink/imago-images-bilder)

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