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Steffi Lemke zum Artenschutz: “Das ist ja wohl nciht zu viel verlangt”

Die Tiere verschwinden, in den Gärten wird es still – beinahe unbemerkt. Bundesumweltministerin Steffi Lemke spricht im Interview über die Wurzeln des größten Massensterbens seit 66 Millionen Jahren.

Das Schicksal der Dinosaurier droht sich zu wiederholen: Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind weltweit vom Aussterben bedroht. Statt eines Meteoriteneinschlags ist es dieses Mal jedoch der Mensch, der die Lebewesen von der Erdoberfläche tilgt.

Zwischen Alpen, Nord- und Ostsee sind zwei Drittel aller Schmetterlinge gefährdet, außerdem jede zweite Wildbienenart, die Hälfte aller Amphibien, Brutvögel und Süßwasserfische. Dazu kommt knapp ein Drittel unserer heimischen Säugetiere, die für immer aussterben könnten. Feldhamster, Luchs, Fledermäuse und sogar die Hausratte stehen bereits am Abgrund.

Um das Massensterben aufzuhalten, verhandeln derzeit knapp 200 Länder bei der Weltnaturschuztkonferenz in Montreal über ein globales Artenschutzabkommen. Vor ihrer Reise nach Kanada hat Bundesumweltministerin Steffi Lemke mit t-online darüber gesprochen, weshalb kaum jemand bemerkt, wie die Natur sich leert, was die Krise am stärksten befeuert und wo ihre Koalitionskollegen von der FDP die Rettungsversuche untergraben.

t-online: Frau Lemke, jeden Tag verschwinden 150 Tier- und Pflanzenarten für immer von der Erdoberfläche. Wieso interessiert das anscheinend niemanden?

Steffi Lemke: Ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass das schwer verständlich ist. Im Gegensatz zur Klimakrise merken wir das Artenaussterben bisher nicht so direkt. Die Erderhitzung hat in Deutschland inzwischen spürbare Konsequenzen: Seen oder Flüsse aus Kindheitstagen trocknen aus, Waldbrände hinterlassen verkohlte Landschaften, und Hitzewellen setzen vor allem älteren Menschen schwer zu. Dass immer mehr Lebewesen verschwinden, merkt man hingegen im Alltag kaum. Vielleicht am Rande, weil es weniger Vögel in den Wäldern und weniger Insekten im Garten gibt. Aber das ist für viele noch kein Alarmsignal.

Natürlich. Das weltweite Artenaussterben bedroht die Existenz der Menschheit. Und das ebenso stark wie die Klimakrise. Die Sichtbarkeit und direkte Betroffenheit setzt aber erst später ein. Gleichzeitig gibt es auch bei uns viele Menschen, die sich große Sorgen um die schleichende Naturzerstörung machen und dafür auf die Straße gehen.

Ein Kiebitz im Abendlicht: Durch schrumpfende Lebensräume, wenige Brutmöglichkeiten und einen Mangel an Insekten gibt es in Deutschland kaum noch Kiebitze und Rebhühner. (Quelle: IMAGO/Christian Luebke)

Umweltverbände und Wissenschaftler sprechen vom größten Massensterben seit dem Ende der Dinosaurier. Wäre es nicht Ihre Aufgabe, dem Artenschutz mit so klaren Worten mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Das mache ich jeden Tag. Aber der Glaube, wir könnten die Natur weiter so ausbeuten wie in den letzten Jahrzehnten, sitzt bei manchen offensichtlich sehr tief. Die persönliche Wahrnehmung und die reale Bedrohung durch die Naturzerstörung klaffen sehr weit auseinander. Vor den Dürresommern der vergangenen Jahre und der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal gab es auch noch nicht die Aufmerksamkeit für die Klimakrise, die wir jetzt haben. Es wäre schlimm, wenn es auch beim Naturschutz erst so weit kommen muss, dass uns die Zerstörung der Natur hier in Deutschland massiv trifft.

Als studierte Agrarwirtin sorge ich mich zum Beispiel um das Verschwinden der Arten in den Böden, auf denen unsere Lebensmittel wachsen. Wenn es immer weniger Würmer, Käfer und andere Bodenlebewesen gibt, verlieren unsere Böden ihre Fruchtbarkeit. Bauern würden noch größere Probleme haben, über die Runden zu kommen. Das würden wir auf dem Teller merken. Wir müssen das Ruder rumreißen, bevor es zu spät ist. Wir dürfen aber nicht nur auf das Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten schauen, sondern müssen auch die dahinterliegende Zerstörung von Lebensräumen und Ökosystemen sehen. Und die hat weltweit so dramatische Folgen, dass selbst das Weltwirtschaftsforum in Davos die Naturkrise als eines der größten Risiken für die Wirtschaft einstuft.

Sie wollen ein “Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz” auflegen, um gleichzeitig Artensterben und Klimakrise aufzuhalten. Dafür gibt es vier Milliarden Euro – verglichen mit dem 100 Milliarden schweren Sonderetat für die Bundeswehr fast nichts. Wie sehr schmerzt Sie diese Priorisierung?

Das Wichtigste ist: So viel Geld gab es für den Naturschutz in Deutschland noch nie. Mit den vier Milliarden Euro bis 2026 wollen wir die vorhandene Natur besser schützen und geschädigte Ökosysteme wiederherstellen. Außerdem stellen wir jährlich 1,5 Milliarden Euro für den internationalen Naturschutz zur Verfügung.


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